Ein Rumpeln tief unter den Füßen, der Boden schwankt für ein paar Sekunden – und schon ist das Erdbeben von dieser Woche das Gesprächsthema überall. Aber was für uns nur ein kurzer Schreck war, lässt uns tief durchatmen: Zum Glück war es nur ein Mini-Stoß.
Denn wenn wir in der Geschichte des Tullnerfelds zurückblättern, stoßen wir auf einen Tag, an dem unsere Heimat wortwörtlich in Trümmer sank: Dienstag, der 15. September 1590.
Gegen 18 Uhr erschütterte das schwerste je dokumentierte Beben Ostösterreichs die Region. Als wäre das noch nicht genug gewesen, folgte kurz vor Mitternacht ein zweiter heftiger Stoß, der den Menschen vollends den Boden unter den Füßen wegriss. Das Epizentrum lag direkt vor unserer Haustür – zwischen Ried am Riederberg und Neulengbach. Die Erschütterungen waren so gewaltig, dass sie selbst im hunderte Kilometer entfernten Prag, in Schlesien und bis nach Ungarn spürbar waren.
Warum hören wir meist nur von Kirchen, Klöstern und Schlössern?
Wer heute historische Berichte liest, stößt auf eine lange Reihe schwer beschädigter Orte im gesamten Tullnerfeld:
- In Zwentendorf war die Pfarrkirche so „zerschmettert und zerlittert, dass man nit darein darf“.
- In Abstetten brachen das Kirchengewölbe und der Pfarrhof komplett zusammen.
- Die Kartause Mauerbach verlor Gewölbe, Türme und Klostermauern, die Pfarrkirche in Rappoltenkirchen ging vollkommen zugrunde, und auch die Schlösser Tulbing und Unterthurm traf es schwer.
- Massive Schäden an Kirchen, Herrschaftssitzen und Steinbauten meldeten auch Atzelsdorf, Baumgarten, Dietersdorf, Gollarn, Freundorf, Judenau, Katzelsdorf, Königstetten, Langenlebarn, Langenrohr, Michelhausen, Pixendorf, Rust, Sieghartskirchen, Sitzenberg und die Stadt Tulln.
- Selbst in Wien stürzten Kirchtürme ein, Gasthäuser begruben Menschen unter sich und der Stephansdom bekam tiefe Risse.
Aber warum liest man kaum etwas über die einfachen Häuser unserer Ahnen?
Ganz einfach: Die Hütten der einfachen Bevölkerung bestanden damals meist aus Holz, Lehm und Stroh. Wenn da eine Wand einriss, packte die Familie an und flickte sie wieder zusammen – das war der Obrigkeit keine Aktennotiz wert.
Kirchen, Klöster und Schlossbauten hingegen bestanden aus massivem, schwerem Stein. Sie hatten hohe, unflexible Gewölbe, die den horizontalen Erdstößen überhaupt nicht nachgeben konnten und wie Kartenhäuser einstürzten. Und da Steinbauten teuer waren, wurden die Schäden penibel in Schadensprotokollen und Bittbriefen an den Landesfürsten festgehalten.
Jahrelanger Notstand und mühsamer Wiederaufbau
Für die Bevölkerung bedeutete das Beben jahrelange Härte. Es gab keine Versicherungen, kein Katastrophenhilfsgeld. Der Wiederaufbau zog sich oft über Jahrzehnte hinweg. In Abstetten etwa musste der Gottesdienst jahrelang unter freiem Himmel abgehalten werden – bis ein Nachbeben das gerade erst neu aufgebaute Gewölbe gleich noch einmal einriss!
Die Menschen mussten den Mangel an Baumaterial, das fehlende Geld und die ständige Angst vor den Nachbeben verarbeiten, die bis in den November 1590 hinein anhielten.
Was das Beben mit unseren Ahnenreihen macht
Wer in der Familienforschung im Tullnerfeld vor das Jahr 1590 zurückgehen will, läuft deshalb oft gegen eine Wand:
- Verlorene Matriken: Einstürzende Pfarrhöfe, Brände im Trümmerchaos oder schlicht der Verlust von Dokumenten beim provisorischen Ausweich-Gottesdienst rissen riesige Lücken in die Kirchenbücher.
- Die vergessenen Namen tauchen auf: Gleichzeitig bietet das Beben eine Chance. Da für den Wiederaufbau händeringend Maurer, Ziegelbrenner, Zimmerleute und Tagelöhner gebraucht wurden, tauchen viele unserer Vorfahren plötzlich namentlich in den alten Bau- und Herrschaftsrechnungen auf!
Von 1590 bis in die 1970er: Wie das Beben noch einmal Geschichte schrieb
Das Beben von 1590 war nicht nur für unsere Ahnentafeln entscheidend, sondern prägte fast 400 Jahre später auch ein modernes Kapitel der österreichischen Geschichte.
Als in den 1970er-Jahren der Bau des Atomkraftwerks Zwentendorf heiß diskutiert wurde, rückte genau diese Katastrophe wieder in den Mittelpunkt. Atomkraftgegner und Geowissenschaftler holten die alten Chroniken hervor und bewiesen: Das Tullnerfeld liegt in einer aktiven Erdbebenzone.
Das Beben von 1590 wurde zum zentralen Benchmark für die Sicherheitsberechnungen der Reaktorstabilität – und war eines der stärksten Argumente der Kritiker rund um die historische Volksabstimmung 1978. Ein Erdbeben aus dem 16. Jahrhundert hat also ganz konkret mitgestaltet, wie unser Tullnerfeld heute aussieht!
Naturkatastrophen gehörten zum Schicksal unserer Ahnen im Tullnerfeld – sie haben den Boden unter den Füßen verloren, aber sie haben alles wieder aufgebaut.
Macht mit!
Habt ihr in alten Familienaufzeichnungen, Chroniken oder Unterlagen eures Heimatortes Hinweise auf damalige Schäden entdeckt? Oder gibt es an eurer Kirche, einem alten Gehöft oder Schloss vielleicht sogar neuere Fotos, auf denen Spuren oder Inschriften der damaligen Wiederaufbauarbeiten noch heute erkennbar sind? (Fotos von 1590 gibt es ja bekanntlich nicht… 😉)
Meldet euch bei uns oder schreibt es in die Kommentare! Wir freuen uns über jeden Hinweis, der unser regionales Bild von damals weiter vervollständigt.
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